Schafbeweidung von Bachtälern um Altenkirchen

Seit gut 15 Jahren unterhält der NABU Altenkirchen eine kleine Schafherde, die gezielt zur Beweidung von ausgesuchten Flächen, vorwiegend in Bachtälern, eingesetzt wird.

In den vergangenen Jahren sind vielerorts Großbeweidungsprojekte mit ursprünglichen Rinder- und Pferderassen initiiert worden. So vorteilhaft sich solche Projekte in vielen Bereichen darstellen, für lokale Gruppen sind sie aufgrund des hohen, zusammenhängenden  Flächenanspruchs kaum realisierbar. Welche NABU-Gruppe verfügt schon zusammenhängend über mehr als 40 Hektar Weidefläche?

Wer trotzdem die durchaus überzeugenden Vorteile von Tierbeweidung nutzen will, landet früher oder später bei der Schafbeweidung mit vorwiegend alten, bewährten Rassen.

Schafbeweidung hat gegenüber der Großtierbeweidung entscheidende Vorteile.

Man kann selbst kleinste Flächen, abgesichert mit einem Elektrozaun ohne großen Aufwand beweiden. Größere und regelmäßig beweidete Flächen werden in der Regel mit einem fest installierten Knotengitterzaun ausgestattet. Solche Zäune können von NABU-Gruppenmitgliedern ohne größere Probleme selbst gebaut werden. In manchen Fällen, z.B. bei besonders wertvollen Flächen werden solche Zäune von Naturschutzbehörden bezuschusst.

Das Umsetzen bzw. der Transport der Tiere ist wesentlich einfacher und mit einem ausreichend großen Hänger schnell bewerkstelligt. Wer allerdings nicht mit Hunden arbeitet, braucht bauliche Hilfen und ein bis zwei Helfer, um eine effiziente Hängerbeladung zu gewährleisten. Fest installierte Fangkorridore oder Elektronetze leiten die Herde zum Hänger und die ewige schafeigene Fressgier hilft, die natürlich Angst vor engen, dunklen Örtlichkeiten auszuschalten. Die Helfer treiben zögerliche Tiere in den Hänger und verschließen die Klappe – mit etwas Übung fast immer ein Kinderspiel…

Schafe sind mit einem Körpergewicht zwischen 30 und 80 Kilo wesentlich leichter zu handhaben als zentnerschwere Urrindviecher oder wirklich wilde Wildpferde. Für die regelmäßige Behandlung gegen Parasiten, Impfungen und im Falle von Krankheiten ein wirklich großer Vorteil. Vorsichtshalber sei aber nicht verschwiegen, dass ein hormondurchwirbelter 80 kg schwerer Schafbock auch ein gestandenes aber unvorsichtiges Mannsbild problemlos über den Haufen rennt.

 

Schwierigkeiten bereitet die frühe Fruchtbarkeit von Schafen. Bereits im ersten Herbst nach der Geburt werden die meisten weiblichen Tiere aufnahmefähig. Dies ist allerdings nicht erwünscht, da die Tiere zu diesem Zeitpunkt noch klein und nicht voll entwickelt sind. Zudem sollen die meisten von ihnen nach 1-2 Jahren der Schlachtung zugeführt werden. Dieser Konflikt führte auch bei uns dazu, dass nach einigem Hin und Her eine zweite Herde eingerichtet wurden. Nun betreuen wir eine reine `Weiberherde´ mit minderjährigen Töchtern und wenigen alten Mutterschafen die eine einjährige Lamm-Auszeit genießen dürfen. Die Hauptherde setz sich zusammen aus dem Zuchtbock mit den zuchtfähigen Schafen sowie den jugendlichen Böcken des aktuellen Jahrgangs. Da ein vernünftiges Schlachtgewicht bei unseren Biotopschafen meistens erst nach 1-2 Jahren erreicht wird, bleiben beide Herden durchgehend bestehen.

Ausschnitt aus dem Ölferbachtal
Ausschnitt aus dem Ölferbachtal

Im Jahresablauf wird’s ab Ende März interessant, wenn die Vegetation so langsam in Gang kommt. Bis dahin sind auch die meisten Lämmer geboren worden. Günstig sind dann winterquartiernahe Flächen mit relativ schlechter Futterqualität. Nach der  eiweißarmen Winterversorgung können nicht selten Unverträglichkeiten beobachtet werden, wenn die ersten Weideflächen zu eiweißreiches Futter bieten. Wer Orchideenwiesen bewirtschaftet, macht zu dieser Zeit einen ersten Weidegang. Natürlich müssen für den April und Mai ausreichend Flächen zur Verfügung stehen, die nicht in Förderprogramme mit Beweidungsverbot bis Juni (z.B. PAULA) eingebunden sind. Ab Juni / Juli können dann auch Förderprogrammflächen beweidet werden. Bei uns sind das Streuobstwiesen und Weideflächen an verschiedenen Bächen. Wir haben vor Jahren die Bachpatenschaft an zwei regional bedeutsamen Bächen dem Driescheiderbach und dem Ölferbach übernommen.

Öhrchenhabichtskraut Foto: Thomas Friedrich
Öhrchenhabichtskraut Foto: Thomas Friedrich

Unser hauptsächliches Augenmerk haben wir in der Zwischenzeit auf den Ölferbach gerichtet. Das Ölferbachtal und seine Bachauen zwischen Kettenhausen und Niederölfen gelten als der wertvollste und artenreichste Lebensraum in der näheren Umgebung von Altenkirchen. Als Vernetzungskorridor zwischen Sieg und Wied kommt dem Bach auch eine überregionale Bedeutung zu. Neben einer reichen Flora mit seltenen Pflanzenarten wie z.B. Öhrchenhabichtskraut, Rundblättrige Glockenblume oder Thymian, die vor allem in Säumen (oft im Schutze von Doppelzäunen) anzutreffen sind, findet sich auch eine bemerkenswerte Fauna wie z.B. Sumpfgrashüpfer, Kaisermantel, Sumpfschrecke (Stethophyma grossum) und der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Maculinea nausithous). Die früher anzutreffenden Braunkehlchen und Wiesenpieper sind als Brutvögel verschwunden, dafür brüten mehrere Neuntöterpaare und die Dorngrasmücke im Bereich.

Foto: NABU/Mettnau: Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling
Foto: NABU/Mettnau: Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling

Um diese Artenvielfalt zu erhalten ist eine kombinierte Nutzung der Bachauen als Mähwiesen und Weidegrünland vorgesehen. Für den Ameisenbläuling sind Flächen so zu pflegen, dass sie der komplexen Biologie dieses Falters entgegenkommen. Inzwischen sind viele Flächen gesichert und durch unser Gruppe bewirtschaftbar. Die Pflege mit Großgerät wird durch unser Mitglied Michael Klöcker ehrenamtlich geleistet. Ein Teil der Aue wird mit der Schafherde beweidet. Einige Flächen sind bereits mit einem Festzaun versehen. In weiteren Zeitabschnitten sollen kontinuierlich weitere Knotengitterzäune gebaut werden.

 

Doppelzäune im Ölfer Bachtal
Doppelzäune im Ölfer Bachtal

Längere Abschnitte werden dabei unterteilt, wertvolle Säume zwischen Einzelflächen wiederum mit Doppelzäunen geschützt. Dabei ist darauf zu achten, dass weiterhin eine Beweidung zwischen den Doppelzäunen möglich ist. Dazu muss das Knotengitter umgedreht (auf dem Kopf) montiert werden, damit die großen Fächer bodennah zu liegen kommen. Dies erhöht auch die Durchgängigkeit für Kleintiere. Zusammen mit einer geringen Zaunhöhe von 90cm ermöglichen wir somit praktisch allen Wildtieren den Zugang auf die ausgezäunten Flächen. Für Wildschweine müssen mindestens einzelne Flächen als Passagen zaunfrei bleiben. Die meisten Flächen am Ölferbach sind ungebunden und ohne Auflagen frei bewirtschaftbar. Dies hat den Vorteil, die Pflege zielgerichtet und sehr flexibel gestalten zu können.

Im Spätsommer und Herbst stehen unsere Schafe auch auf besseren Weiden mit zumindest theoretisch eiweißreicherem Futter. Dieser relative Mangel an Eiweiß  begleitet unsere Biotopschafe durch ihr ganzes Leben. Selbst das Winterheu ist von minderer Qualität, da unsere Flächen immer sehr spät im Jahr gemäht werden. Solche Ernährungsmankos halten in der Regel nur genügsame, alte Schafrassen aus, ohne dass es zu Erkrankungen und Mangelerscheinungen kommt. In unserer Herde sind verschiedene alte Rassen vertreten: Rhönschaf, Graue Gehörnte Heidschnucke, Bentheimer Landschaf, Coburger Fuchsschaf aber auch deren gemischte Abkömmlinge. Die Herbstbeweidung dauert nicht selten bis weit in den Dezember und wird erst durch länger Frostperioden oder Schneefall beendet.

Die etwa 4 Monate andauernde Winterhaltung stellt ihre speziellen Ansprüche an die Betreuung. Neben einfachen Unterständen muss eine durchgehende Versorgung mit Rauhfutter gewährleistet sein. Bei geringerer Heuqualität kann man mit 1-2 Rundballen pro Tier und Winter rechnen – da kommt bei 20-30 Tieren schon etwas zsammen! Für die Ballen werden Heuraufen benötigt, diese gibt es als gedeckte Heuraufen oder als preisgünstigere Variante als ungedeckte Rundballenraufen. Im Winter wird den Tieren zusätzlich ein Ergänzungsfutter aus Getreide und Zuckerschnitzel zur Verfügung gestellt. Dies ist vor allem für trächtige und laktierende Schafe unabdingbar. Mineralfutter erhalten die Tiere ganzjährig.

Der Pflege- und Kostenaufwand für eine biotoppflegeorientierte Schafhaltung ist erheblich und sollte vor der Gründung einer Herde gut bedacht werden. Neben den vielfältigen Arbeiten die durch die Tiere anfallen (tägliche Kontrollgänge, Fußpflege, Impfungen, Entwurmung, Fütterung, Schur usw.) wird auch eine gewisse Infrastruktur benötigt (PKW mit Viehanhänger, Trecker mit Zubehör, Ballenraufen, Unterstände, Heulagermöglichkeiten). Daneben fallen zunehmend bürokratiebedingte Aufwendungen an (Herdbuchführung, Medikamentenzettelverwaltung, Markierungsarbeiten usw.).

Der durchschnittliche Zeitaufwand für eine etwa 20-köpfige Biotoppflege-Schafherde beläuft sich locker auf 2 Stunden pro Tag und dies 365 Tage im Jahr! Dass dies durch eine Einzelperson nicht geleistet werden kann, versteht sich von selbst. Mindestens 2 Betreuer sollten verfügbar sein, die für Umtrieb- und Einfangaktionen auf weitere 2 Personen zurückgreifen können.

Den Mühen und Sorgen die eine Schafherde bereitet, stehen optimal gepflegte Biotope, die Arbeit mit den Tieren und nicht zuletzt viele schöne Lammbraten in bester Fleischqualität gegenüber.

 

Nicht für jeden geeignet – aber für aktive NABU-Gruppen mit einem Händchen für Tierhaltung eine schöne Alternative zu Freischneider und Balkenmäher.

 

unterstützt den NABU Altenkirchen auch im Ölferbachtal
unterstützt den NABU Altenkirchen auch im Ölferbachtal

Zur Sicherung der Artenvielfalt und zur Verbesserung der Vernetzungsfunktionen im Ölferbachtal starten wir ein neues Projekt. Wir planen neben Flächenankäufen, den Bau eines Wintereinstandes für unsere Schafe und die Anlage eines Kulturlandschaft-Lehrpfades. Für diese Aufgabe brauchen wir Ihre Hilfe.

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Netzwerk Ölferbachtal - Hier gehts zur Projektbeschreibung

Winterliches Szenario im Ölferbachtal
Winterliches Szenario im Ölferbachtal

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